Wie erschließen wir Personen in Erzähltexten?
Wenn wir eine Geschichte lesen oder hören, tun wir etwas sehr Ähnliches wie im wirklichen Leben, wenn wir einem Menschen begegnen: Wir sammeln Eindrücke, ziehen Schlüsse, bilden uns eine Meinung – und revidieren sie manchmal wieder. Aus ein paar Sätzen über eine Figur entsteht in unserem Kopf ein ganzes Bild: ein Charakter, eine Geschichte, eine Motivation. Genau dieses Zusammenspiel aus Text und Vorstellungskraft ist der Gegenstand der Figurenanalyse.
Die neuere, kognitiv orientierte Erzähltextanalyse hat dafür einen treffenden Begriff geprägt: Figuren sind keine bloßen Textbausteine, sondern mentale Modelle, die Leserinnen und Leser (bzw. Hörerinnen und Hörer) im Kopf konstruieren. Ein Text liefert dafür nur die Bausteine – Verhalten, Rede, Aussehen, Kommentare des Erzählers. Den Rest ergänzen die Leserinnen und Leser aus der eigenen Menschenkenntnis, aus kulturellem Vorwissen und aus dem, was sie über die jeweilige Zeit und Gesellschaft wissen.
Für die Auslegung biblischer Erzählungen ist das kein akademisches Detail, sondern folgenreich: Die ursprünglichen Adressatinnen und Adressaten neutestamentlicher Texte brachten ein anderes Vorwissen mit als wir heute, mit dem sie die Figuren anders verstehen konnten. Eine methodisch kontrollierte Figurenanalyse fragt deshalb nicht „Was würde ich über diese Person denken?“, sondern „Was sollten die damaligen Hörer und Leser in Bezug auf diese Figur schließen?“.
Vier Bausteine der Figurenanalyse
Eine systematische Figurenanalyse lässt sich in vier Untersuchungsbereiche gliedern, die einander ergänzen, aber auch unabhängig voneinander bearbeitet werden können:
1. Figurenbestand – Wer kommt in der Erzählung überhaupt vor? Dabei zählen nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, personifizierte Mächte oder Gestalten, über die nur gesprochen wird, ohne dass sie selbst auftreten.
2. Figurenmerkmale und Figurenkonzeption – Welche Eigenschaften schreiben intendierte Rezipientinnen und Rezipienten einer Figur zu (Wahrnehmung, Gefühle, Charakter, Motivation und einiges mehr), welche davon sind besonders gewichtig, und wie lässt sich das Gesamtbild einer Figur beschreiben – kohärent oder widersprüchlich, statisch oder sich entwickelnd?
3. Figurenkonstellation – In welchem Verhältnis stehen die Figuren einer Erzählung zueinander? Wer ist wem ähnlich, wer steht im Kontrast, wo entstehen Konflikte?
4. Figur und Handlung – Welche Bedeutung hat eine Figur für den Handlungsverlauf, und welche Rolle übernimmt sie darin – ist sie Hauptfigur oder nur schmückendes Beiwerk, Heldin oder Widersacher?
Warum sich der Aufwand lohnt
Eine intuitive Lektüre reicht oft aus, um eine Erzählung zu genießen. Für die Auslegung – ob wissenschaftlich, homiletisch oder im Unterricht – lohnt sich jedoch der genauere Blick: Er macht sichtbar, warum ein Text bestimmte Eindrücke erzeugt, er deckt Übersehenes auf, und er schützt davor, eigene Vorannahmen unreflektiert in den Text hineinzulesen.
In den folgenden Beiträgen werden die vier Bereiche einzeln vertieft, jeweils mit eigenen Beispielen aus biblischen Erzähltexten.
Die methodische Grundlage dieser Beitragsreihe bildet der Ansatz der kognitiven Narratologie, wie ihn Sönke Finnern und Jan Rüggemeier für die neutestamentliche Exegese fruchtbar gemacht haben (S. Finnern/J. Rüggemeier, Methoden der neutestamentlichen Exegese, UTB 4212, Tübingen 2016, Kap. 11b). – Zusammengefasst mit KI (Claude Sonnet 5.0) im Juli 2026.