Die Figur als mentales Modell

Mehr als schwarze Buchstaben auf weißem Papier

Stellen Sie sich die Erzählung von Zachäus vor (Lk 19,1–10): „Ein Oberzöllner, klein von Gestalt, lief einer Menschenmenge voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum.“ Schon nach diesem einen Satz haben Sie vermutlich ein Bild vor Augen – nicht nur von Zachäus‘ Körpergröße, sondern von seinem sozialen Status, seinem Aussehen, seiner Neugier, vielleicht sogar von einer gewissen Unbekümmertheit, auf einen Baum zu klettern. Der Text selbst sagt das alles gar nicht ausdrücklich. Sie haben es ergänzt.

Genau dieser Vorgang steht im Zentrum eines kognitiven Zugangs zur Figurenanalyse: Eine literarische Figur ist nicht identisch mit dem, was explizit im Text steht, sondern das Ergebnis eines aktiven Konstruktionsprozesses im Kopf der Rezipientinnen und Rezipienten. Der Filmwissenschaftler Jens Eder hat dafür den Begriff der Figurensynthese geprägt: Wir setzen die verstreuten Informationen eines Textes zu einem stimmigen, menschenähnlichen Gebilde zusammen – und zwar auf dieselbe Weise, wie wir auch reale Personen einschätzen, mit denen wir es im Alltag zu tun haben.

Ein Perspektivwechsel gegenüber älteren Ansätzen

Ältere, strukturalistisch geprägte Erzähltheorien haben Figuren oft auf ihre Funktion für die Handlung reduziert: Eine Figur war in erster Linie „Held“, „Gegenspieler“ oder „Helfer“ – interessant nur insofern, als sie eine Rolle im Plot ausfüllte. Der kognitive Zugang erweitert diesen Blick erheblich und hat drei wichtige Konsequenzen für die exegetische Praxis:

Implizite Merkmale zählen genauso wie explizite. Ein Text muss eine Eigenschaft nicht ausdrücklich benennen, damit sie Teil des Figurenbildes wird. Dass der barmherzige Samariter (Lk 10,33–35) Zeit, Geld und persönlichen Einsatz investiert, wird nirgends als „Großzügigkeit“ etikettiert – die Zuschreibung entsteht allein aus dem geschilderten Verhalten.

Historisches Vorwissen statt heutiger Alltagspsychologie. Wer erschließen will, was die ursprünglichen Adressatinnen und Adressaten über eine Figur gedacht haben, darf nicht unbesehen die eigene, heutige Menschenkenntnis anlegen. Es braucht eine historische Rekonstruktion dessen, was damals als selbstverständliches Wissen über soziale Rollen, Verhaltensnormen oder Gefühlsausdrücke galt – sofern dies zu erschließen ist.

Figuren verändern sich im Lektüreprozess. Es macht einen Unterschied, ob man fragt, welches Bild sich Leserinnen und Leser an einem bestimmten Punkt der Erzählung von einer Figur gemacht haben, oder welches Bild am Ende der Geschichte im Gedächtnis bleibt. Das Bild von Petrus etwa verschiebt sich über die Passionserzählung hinweg erheblich – vom vollmundigen Treuebekenntnis bis zur Verleugnung und, im Fall des Johannesevangeliums, bis zur späteren Rehabilitation.

Für die Praxis

Diese Grundeinsicht prägt alle weiteren Analyseschritte: Figurenanalyse fragt nie nur „Was steht da?“, sondern immer auch „Was sollen wir daraus schließen – und wer waren die ‚Wir‘, für die dieser Text ursprünglich geschrieben wurde?“